Wenn die Hoffnung stirbt

Man sagt immer wieder: “Die Hoffnung stirbt zuletzt”.

Auch wenn ich die biografischen und diagnostischen Hintergrund-Details nicht kenne, die kürzlich zu dem tragischen Selbstmord des Nationaltorwartes Enke geführt haben, geht mir dieser Tod noch immer nach. Sicher kein Einzelfall. Wieviel Hoffnung muss wohl unter der Last erdrückender Depressionen gestorben sein, ehe es zu einer solchen Tat kommt.

Und da frage ich mich und zugleich Euch, liebe Kollegen: Was kann ROMPC® im Sinne der Suizidprävention gerade bei depressiven Störungen und Erkrankungen leisten, damit bei den Betreffenden neue Hoffnung entsteht und das Leben für sie wieder lebenswert wird?

Franziska Müller
muller.franziska@ymail.com


4 Antworten auf “Wenn die Hoffnung stirbt”

  1. Heinz-Guenter sagt:

    Liebe Frau Müller,

    ich beginne mal etwas provokativ: Zum Glück kommt das bei Prominenten auch vor, so dass dann in einer breiteren Öffentlichkeit darüber gesprochen wird. Infolge von Enkes Tod gibt es so viele Berichte über Depression wie sonst selten. Natürlich ist tragisch, was da passiert ist. Wir sehen das Ende eines langen Leidens. Auch ich habe mich nicht intensiv mit der Biographie von Herrn Enke befasst. Deshalb kann ich zu seinem Tod wenig sagen. Als Psychotherapeut kenne ich solche Schicksale und weiß: Je mehr die Menschen über ihr Leid sprechen, kann das Leiden ein Ende nehmen. Ich weiß aber auch, dass wir nicht in jedem Falle den Suizid verhindern können – auch nicht mit Hilfe von ROMPC®. Wer fest entschlossen ist, sich umzubringen, ist nur schwer davon abzuhalten.

    Es gibt Behandlungsmöglichkeiten, aber „die Scham vieler Erkrankter ist so stark, dass sie nicht zum Arzt (oder Psychologen, d.V.) gehen“ (Die Zeit Nr. 48 2009, S. 17). Insofern ist Suizid-Prohylaxe nur dort möglich, wo auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Depressive, die sich suizidieren, befinden sich subjektiv in einer ausweglosen Situation: Sie haben negative Gedanken über sich, fühlen sich schuldig und haben mit starken Gefühlen von Wert- und Hoffnungslosigkeit zu tun. Gleichzeitig sind sie oft erschöpft und können nicht schlafen, weil die Gedanken sie nicht in Ruhe lassen. Das ist auch so, wenn sie passiv in der Ecke sitzen und nicht zur Ruhe kommen. Sie fühlen sich nutzlos in einer Welt, in der es auf Leistung ankommt, die sie gerade nicht erbringen können. Sie glauben, eine Last für andere zu sein und dass es besser sei, die anderen durch den eigenen Tod von dieser Last zu befreien.

    Mit ROMPC® haben wir verschiedene Ansatzmöglichkeiten:
    • Die negativen Kognitionen sind gekoppelt mit einschränkenden Grundüberzeugungen. Wir können diese zu ihrem Ursprung verfolgen und die dort entstandene Verletzung behandeln.
    • Die wuchernden Schuldgefühle können wir begrenzen.
    • Die innere Erregung können wir mit verschiedenen Entkoppelungstechniken verringern, so dass der Schlaf Erholung bringt.
    • Der angegriffene Selbstwert kann erhöht werden, indem die Erkrankten lernen, in schwierigen Situationen wieder sich selbst zu helfen.

    ROMPC® wirkt keine Wunder. Ich habe unser Potential beschrieben, das ich in der psychotherapeutischen Arbeit mit Depressiven als wirksam erlebe. Wir brauchen Geduld, weil sich immer wieder Rückschläge zeigen und unsere Patienten es brauchen, dass wir in der Hoffnung bleiben und die Beziehung zu ihnen weiterhin positiv gestalten. Denn in der Regel steht hinter einer depressiven Erkrankung eine verletzungsbedingte Störung in wesentlichen Beziehungen. Wir signalisieren deshalb, dass es Halt im Leben gibt.

    Ein zweiter Aspekt, der ebenso wichtig ist, ist die Blockade der eigenen Aggression. Häufig brauchen Depressive eine andere Bewertung eigener aggressiver Impulse, so dass sie diese nicht unter Verschluss halten, weil sie sich selber heimlich als Monster ansehen. Hier braucht es fürsorgliches Verständnis dafür, dass sie ihre Aggression bisher zurück gehalten haben und die Erlaubnis, eigenen Aggressionen einen besseren Platz im Leben zu geben, anstatt sie gegen sich selbst zu richten.

    Das klingt einfach, doch ist es ein jahrelanger Prozess mit wiederkehrenden Rückschlägen, der allmählich einen Weg durch die eigenen inneren Abgründe bahnt.

    Noch einmal kurz zusammengefasst: Ja, wir können mit ROMPC® eine wirksame Behandlungsmöglichkeit für Depressive anbieten. Um wirklsam zu helfen, müssen die Betroffenen den Mut aufbringen, sich Hilfe zu holen. Dann können wir sie unterstützen, negative Gedankenkreise zu durchbrechen, Platz für innere Ruhe zu schaffen und den eigentlichen Emotionen zu ihrem Recht zu verhelfen.

    Um die Wirkmöglichkeiten von ROMPC® genauer zu verstehen, bereiten wir zur Zeit eine Studie vor, in der Behandler und Patienten über einen längeren Zeitraum Einblick in ihre Behandlung gewähren, so dass wir erfahren, was wir bei Depressiven bewirken können und was nicht.

    Heinz-Günter Andersch-Sattler, Augsburg
    Dipl.-Psychologe
    Psychologischer Psychotherapeut
    www.syntraum.de
    info@syntraum.de

  2. tom sagt:

    Hallo Frau Müller,
    Depression ist eine Volkskrankheit. Als Volkskrankheit sind depressive Störungen und Krankheitsbilder meines Erachtens die zwangsläufige Schattenseite jener narzisstischen Kultur, die für die westlichen Gesellschaften des augehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts charakteristisch ist - einer Kultur der Selbstbezüglichkeit, die kein Genug kennt: Unrealistische und überhöhte narzisstische Selbstansprüche, die bei uns hoch im Kurs stehen und denen nachzueifern monitär besonders belohnt wird, sind in gewisser Weise maniform und führen früher oder später zum depressiven Absturz.

    –> zum Thema “Unrealistische Selbstansprüche”: http://www.rompc.de/rompc_forum/nforum.php?DisplayNews=35

    Die narzisstische Haltung der Selbstbezüglichkeit, die die eigene Bedürftigkeit als Schwäche deklariert und uns vormacht, ein autonomer Mensch zeichne sich angeblich dadurch aus, alles alleine machen zu können und niemand zu brauchen, führt zur Verflachung von Beziehungen und zu sozialer und emotionaler Entfremdung.

    –> zum Thema “Emotionale Entfremdung”: http://www.rompc.de/rompc_forum/nforum.php?DisplayNews=75

    –>zum Thema “Soziale Entfremdung”: http://www.rompc.de/rompc_forum/nforum.php?DisplayNews=82

    Wenn wir im Sinne dieser Pseudoautonomie von anderen nichts mehr erwarten oder glauben, nichts mehr erwarten zu dürfen, dann macht uns diese narzisstische Beziehungslosigkeit irgendwann depressiv - jedenfalls dann, wenn wir allein und aus eigener Kraft nicht mehr weiter kommen.

    Die meisten depressiven Klienten definieren ihre depressiven Zustände als ihr Problem. Symptomatisch betrachtet ist das auch so. Es geht ihnen dann ja schlecht. Doch dabei wird meist verkannt, dass schon in den Phasen des subjektiven Wohlbefindens der depressive Zusammenbruch vorbereitet wird: immer dann, wenn unrealistische Selbstansprüche für erreichbar erachtet werden und die gesamte Lebensenergie dafür aufgewandt wird, über die eigenen Grenzen zu gehen und das Unmögliche möglich zu machen.

    –> zum Thema “Wieviel gut ist gut genug?”: http://www.rompc.de/follow_me/16_Gut_genug.mp3

    Wenn uns also unsere narzisstischen Selbstansprüche krank machen, dann stellt sich für mich die Frage nach ihrer Genese. Niemand quält sich aus freien Stücken. Emotionaler Missbrauch durch schmeichelhafte Verführung und unsichere Bindung begünstigen den Rückzug in die narzisstische Selbstbezüglichkeit und die Zuflucht in den maniformen Größenwahn. Erlittene narzisstische Kränkungen, die mit der narzisstischen Bindungsstörung einher gehen, stehen deshalb für mich als ROMPC®-Therapeut im besonderen Focus meiner Arbeit. Solange es uns allerdings nicht gelingt, die Betreffenden aus dem Gefängnis ihrer Selbstbezüglichkeit zu befreien und für eine lebendige Ich-Du-Beziehung zurück zu gewinnen, ist noch nicht viel gewonnen. Hier setzt ROMPC® als beziehungsanalytisches Verfahren auf die Heilkraft antithetischer Beziehungsangebote durch den Therapeuten durch Adressierung der missachteten Beziehungsbedürfnisse.

    –> zum Thema “Beziehungsbedürfnisse”: http://www.rompc.de/rompc_forum/nforum.php?DisplayNews=76

    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas Weil
    ROMPC®-Therapeut und ROMPC®-Ausbilder
    www.rompc-institut.de

  3. tom sagt:

    Hallo Frau Müller,

    es gibt noch einen anderen Aspekt, der mich an dem Selbstmord Enkes bewegt: die Art seines Todes. Es gibt viele Möglichkeiten, seinem Leben ein Ende zu setzen. Herr Enke hat sich vor den Zug geworfen. Im Unterschied zu den sog. “weichen” Selbsttötungsarten (z. B. Schlaftabletten) wird bei der hier gewählten Methode die äußere physische Integrität des eigenen Körpers bewusst zerstört, ja im wahrsten Sinne des Wortes zerfetzt. Ein Anblick, der bei allen, die sich im Nachgang mit diesem Geschehen konfrontiert sehen, grausiges Entsetzen auslöst und der sich als traumatisierende Erfahrung eingräbt. Während der aggressive Charakter der sog. “harten Suizide” offensichtlich erscheint, muten die “weichen” Selbsttötungsarten eher wie sanftes Entschlafen an, aus dem es kein Erwachen mehr gibt.

    Auch ich kenne die biografischen und diagnostischen Hintergrund-Details von Enkes Selbstmord nicht und möchte auch nicht den Eindruck erwecken, hierzu eine Aussage machen zu können. Dennoch denke ich, dass sich an der Wahl der Selbsttötungsart bzw. an den suizidalen Fantasien, die Klienten darüber haben, wie sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen, die diesem Suizid zu Grunde liegende grundsätzliche Psychodynamik meist ablesen ist.

    Motiviert durch Ihre Frage, sehr geehrte Frau Müller, habe ich einen entsprechenden Artikel in unserem ROMPC® FORUM auf der Seite www.rompc.de eingestellt:
    “Wenn die Hoffnung stirbt. Zur verborgenen Psychodynamik des Suizids”
    Diesen Artikel finden Sie hier: http://www.rompc.de/rompc_forum/nforum.php?DisplayNews=84

    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas Weil
    www.rompc-institut.de
    thomas.weil@rompc.de

  4. Iris sagt:

    Gedanken einer Polarity-Therapeutin:

    Hoffnungslosigkeit ist immer beschränkt auf einen Teilbereich des Lebens, welcher zugegebenermassen momentan alle anderen Bereiche erdrückend überschattet. In diesem Fall suche ich den anderen Pol, dass heisst: wo besteht noch Hoffnung, wo wurde sie bereits erfüllt, was heisst es, wenn Hoffnungen erfüllt werden und wie fühlt sich das im Körper an? Hoffnungslosigkeit hat viel mit der Sinnfrage des Lebens zu tun. Die „Sinn-Losigkeit „ ist meines Erachtens u.a. ein Grundstein in der Behandlung. Meistens haben die Personen keinen Zugang mehr zu ihren Sinnen, ihrem Körper, da die Sinnlosigkeit zu schmerzlich empfunden wird. Es ist wichtig, diese Ressourcen aufzubauen, alles was mit den Sinnen zusammenhängt bringt uns in der Zeitachse ins Jetzt, wo wir uns spüren und uns neu kennen lernen. Hier gibt es die Möglichkeit ohne Wertung zu differenzieren, zu relativieren und positive Erfahrungen zu sammeln.

    Weitere Fragen sind, mit welchen Bedürfnissen sind die Hoffnungen verknüpft, sind es realistische oder superlativistische Ansprüche an sich und das Leben? Wann und wodurch ging die Hoffnung verloren. Dabei ist nicht zu vergessen, dass dahinter tiefe Verletzungen der Beziehungs-Bedürfnisse liegen und genau da gibt es vieles mit ROMPC zu arbeiten.

    Betrachtet man den Selbstmord als einen Versuch, leidbringende Teilbereiche des Individuums zu eliminieren, so können wir auch hier archimedische Punkte zum Bearbeiten finden. Unter anderem kann z.B. mit der Teilpersönlichkeit „Hoffnungslosigkeit“, welche aus irgend einem Grund alles Schwarz sieht, gearbeitet werden.

    Klarheit, Strukturen und Grenzen sind wichtig im Umgang mit Depressiven. Meiner Meinung nach kann ROMPC® sicher hilfreich sein, die Suizidalität zu senken, sofern die Person bereit ist den ersten Schritt zu tun und sich jemandem anvertraut.

    Die Arbeit mit Depressiven ist eine Herausforderung. Wir werden immer wieder gefordert, die Personen aus ihrer Kontraktion heraus zu bewegen. Depression ist Kontraktion und das Gegenteil von Ausdruck. Der Fokus ist eingeengt und extrem begrenzt. Ziel ist es, die Person immer wieder so weit aus ihrem Schneckenhaus zu bringen, dass sie differenzieren kann und die Wahrnehmung (auch bezüglich ihrer Bedürfnisse!) erweitert wird.

    Wir brauchen viel Geduld, Zeit und arbeiten mit extrem kleinen Stückchen, damit ermöglichen wir Erfolgserlebnisse für den Klienten.

    Iris Schumacher
    Dipl. Polarity-Therapeutin
    Polarity Zentrum für Gesundheit
    CH-8400 Winterthur
    www.polarityschumacher.ch

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